Mit Bildung gegen die Armut

(17.01.2013)

Fehlende Bildung ist das gewichtigste Armutsrisiko – wer keinen Abschluss hat, findet kaum einen Job. Doch der Zugang zu Schule und Bildung ist nicht für alle gleich. Die soziale Herkunft entscheidet in hohem Masse, wer welches Bildungsniveau erreicht. Caritas will das ändern und fordert von den Kantonen, dass sie die Elternarbeit stärken, Kinder schon früh fördern und allen eine berufliche Ausbildung ermöglichen.

Eigentlich ist die Schule für alle da. Doch nur wenn der Zugang zu Schule und Bildung für alle gleich ist, haben alle dieselben Chancen. Dem ist heute nicht so – ein umfassenderes Bildungsverständnis wäre nötig. Bildung fängt bei den Eltern an. Sie sollen günstige Bedingungen zum Lernen schaffen, was vor allem Armutsbetroffenen oft Mühe bereitet. Zum Beispiel Beatrice H.: Weil zuhause kein Platz, keine Ruhe, keine Zeit zum Lernen vorhanden sind, schneiden ihre fünf Kinder schlecht ab. Sie ist alleinerziehende Mutter, bezieht Sozialhilfe und lebt in einer Notwohnung der Stadt. Hier kann sie zwei Jahre bleiben. Wohl fühlt sich niemand in der alten, schlecht unterhaltenen Wohnung direkt unter dem Dachstock. Im Sommer ist es dort sehr heiss, im Winter bitterkalt. Tageslicht fällt nur von oben durch die Dachluken in die Wohnung, die inmitten von Drogenmilieu und Prostitution liegt. „Das Quartier ist nicht gut für die Kinder“, sagt Beatrice H. Einen Spielplatz gibt es weit und breit nicht. Auch keinen Hof, in dem die Kinder spielen könnten. Am Anschlagbrett beim Eingang steht: „Ballspiele im Hinterhof nicht erlaubt.“ Und: „Die Türen müssen immer geschlossen sein, sonst schlafen obdachlose Menschen hier im Haus.“ – Denkbar ungünstige Bedingungen für Bildung.

Auf eigenen Beinen stehen
Bildung ist Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung. Neue Freunde, neue Ideen, neue Möglichkeiten kommen dank einer Ausbildung. Diese ist aber in den seltesten Fällen gratis und erfordert zudem Zeit, Energie und Eigeninitiative, was sich viele nicht leisten können. Darum gilt: Je früher Zugänge zu Bildung geschaffen werden, desto besser. So könnte gelingen, was eigentlich alle wollen. Dass auch die Schwächsten in der Schweiz stark genug sind, um auf eigenen Beinen stehen und aufrecht durchs Leben gehen zu können. Würden Kantone und Gemeinden die folgenden drei Forderungen von Caritas umsetzen, wäre schon viel erreicht.

1. Elternarbeit stärken
Um die Chancen von Kindern aus armutsbetroffenen Familien zu verbessern, müssen Elternarbeit und Frühförderung als Teil des gesamten Bildungswesens verstanden werden. Mit einer Frühförderungsstrategie, wie sie zum Beispiel der Kanton Basel-Stadt verfolgt, können Massnahmen gezielt eingesetzt und ausgewertet werden. Dies bedeutet:
  • Institutionelle und informelle Elternarbeit fördern
  • Ausbildung von Betreuungspersonen für den Frühförderungsbereich stärken
  • Einsatz von interkulturellen Übersetzerinnen

2. Illettrismus bekämpfen
Etwa 800 000 Personen im Alter zwischen 16 und 65 Jahren können nicht richtig lesen. Sie sind von schwerem Illettrismus betroffen. Damit diese Zahl sinkt, braucht es Familien- und schulergänzende Tagesstrukturen. Diese unterstützen Kinder und Jugendliche beim Lernen und ermöglichen es, Erfahrungen in einem geschützten Rahmen zu sammeln. Für Kantone und Gemeinden bedeutet dies:
  • Bildungsstrukturen schaffen, welche die Integration benachteiligter Gruppen und Personen fördern (Tagesstrukturen, Tagesschulen)
  • die offene und aufsuchende Jugendarbeit aufwerten und die Zusammenarbeit zwischen Schulen, Gemeinden und der Jugendarbeit fördern
  • informelle Bildungs- und Quartierarbeit durch Drittorganisationen und Vereine stärken

3. Berufliche Ausbildung ermöglichen
Noch immer verfügen 15% der Menschen im Erwerbsalter nicht über einen Berufsabschluss. Sie sind deutlich häufiger von Armut betroffen, als Personen mit abgeschlossener Berufsausbildung. Es ist offensichtlich, dass der Zugang zur beruflichen Ausbildung erste Priorität hat. Dazu braucht es Massnahmen, die im Sinne der Chancengerechtigkeit wirken, wie:
  • Förderung der Lernenden durch Stipendien oder Bildungsgutscheine
  • Förderung der Berufsbildung für Personen ohne Abschluss durch Berufsbildungsfonds und Bildungsgutscheine
  • Validierung informeller Bildungsleistung



« zurück








Jetzt spenden
 
Chantal Galladé
«Ich will, dass alle Kinder und Jugendlichen in diesem Land die bestmögliche Ausbildung und Betreuung bekommen. Nur so haben Armutsbetroffene eine Chance, sozial aufzusteigen.»